Der Wolf im Spiegel der Gesellschaft

Aufbrechen – Die Jagd als Spiegel der Gesellschaft von Gert Andrieu u. Helmut Wölfel (Leopold Stocker Verlag)

Im Buch „Aufbrechen – Die Jagd als Spiegel der Gesellschaft“ widmen sich eigene Abschnitte aktuellen Konfliktfeldern, etwa dem Stichwort „Raubwild“. Zum Beispiel: Hat der Wolf bei seinem Versuch zur Rückkehr eine Chance? Um das Warum und Wieso besser zu verstehen stellen die Autoren zu bestimmten Tierarten Beziehung Mensch und Tier in der Geschichte dar.

Hier im Beispiel geht es um den Wolf:

Wer fürchtet sich vor dem bösen Wolf?

Den Menschen verbindet mit dem Wolf gleichermaßen eine Geschichte der Freundschaft wie der Feindseligkeit. – Ehrfurcht und Respekt halten sich wohl die Waage!

 

Was empfinden wir für dieses Tier?

Der Wolf – beweundert und gefürchtet (Bild aus AUFBRECHEN Die Jagdt als Spiegel der Gesellschaft v. G. Andrieu u. H. Wölfel: Leopold Stocker Verlag

Die Einen sprechen heute von einem Hoffnungsträger für eine vom Menschen nicht vollständig  „kultivierte“ Natur. Sie verwenden ihn als Symbol einer neuromantischen Zivilisationsabkehr und verbinden mit ihm sogar eigene Formen der Spiritualität.
Man erkennt im Wolf jedoch auch ein Symbol der wiederkehrenden Abhängigkeit von der Natur und man sieht in ihm einen Konkurrenten, vor allem einen Gegenspieler wirtschaftlicher Interessen.


Der Wolf in unterschiedlichen Kulturen

Unterschiedlichste Kulturen verbinden mit dem Wolf aber auch Bedrohliches. Wo Isegrim auftauchte, galt es den „fahlgrauen Jäger“ mit Tod und besonderer Gefahr in Verbindung zu setzen.
In manchen Naturreligionen begleitet der Wolf, neben dem Raben, die Totengötter. Charon, der düstere, greise Unterweltfährmann in der griechischen Mythologie, hatte Wolfsohren. Der unbestechliche Mann brachte für einen „Obolus“ die Toten über einen Fluss, damit sie zu Hades, dem Totengott, gelangen konnten.
Diese Dunkelheit, die Schattenwelt, auch Krieg, Winter und vor allem die lebensfeindlichen Kräfte der Natur, die es zu zähmen galt, verband man seit jeher mit diesem Wildtier. „Wolfsmonat“ hieß im Norden lange jene Zeit vom 23. November bis zum 22. Dezember, wo der dämonische Wolf des absterbenden Jahres die warme und lichtvolle Jahreszeit zu verschlingen versuchte. 12 Tage und 12 Nächte – die Raunächte – verbringt der „große Jahreswolf“ in den Geburtswehen zu.

In Teilen Österreichs wurde die Verlesung des Evangeliums in der Christmette auch als „Wolfssegen“ bezeichnet (vgl. auch Zerling, C., Lexikon der Tiersymbolik, 2012).

Wolf als Kraftträger

Im krassen Gegensatz dazu dient(e) der Wolf jedoch auch als Kraftträger und man verehrte ihn als mächtiges Totemtier, indem man die Beziehung zu ihm dazu nutze, Kraft, Klugheit, Orientierungssinn und auch Bewusstsein für die Gemeinschaft in sich selbst zu suchen. Viele Turk- und Tatarenvölker leiten ihre Herkunft von mythologischen Wölfen ab. Der mongolischen Legende nach standen am Anfang des Stammbaumes von Dschingis Khan – und damit aller Mongolen – ein Wolf und eine Hirschkuh.

Abgesehen von vielen Indianerstämmen, was naheliegend erscheint, leite(te)n auch die Usbeken und die Hunnen ihre Herkunft von Wölfen ab. Die alten Türken sehen in einer Wölfin ihre Urmutter.

Jaguar, Mustang und Amarok

Diese Verbindungen erscheinen vielen Menschen industrieller Vergesellschaftung als sehr abstrakt. Trotz allem finden in unseren Breiten auch heute noch jene Automarken großes Interesse, welche zwar nicht Wolf, jedoch Jaguar oder vielleicht auch Mustang heißen.
Wer sich einen Jaguar kauft, ist unter Umständen noch immer unbewusst beeinflusst von der edlen Erscheinung und dem Bekanntheitsgrad dieses Tieres, seiner Schnelligkeit, der Kraft, Ausdauer und Wendigkeit. – Und dann natürlich das neue Nutzfahrzeug von Volkswagen, der Amarok. In der Mythologie der Inuit, indigene Volksgruppen, die in Grönland und im arktischen Teil Zentral- und Nordostkanadas leben, existiert ein riesiger Wolf, der Amarok genannt wird. Amarok wandert und jagt nur nachts. Alleine! Dabei findet und frisst er jeden, der dreist genug ist, noch zu später Stunde unterwegs zu sein…

Wolf und Mensch – Wölfin als Amme; Wolf der Lüstling

Der Wolf : Thema in Legenden und Mythen vieler Völker (Foto:E.Ziemen) aus AUFBRECHEN Die Jagd als Spiegel der Gesellschaft v. G. Andrieu u. H. Wölfel; Leopold Stocker Verlag

In einer großen Zahl von Legenden nehmen Wölfinnen in der Wildnis ausgesetzte Kinder mütterlich an.
Auch die Sage von der Gründung Roms bezieht sich auf ein solches Tier,  welches Zwillinge säugte. Romulus und Remus wurden am Tiber ausgesetzt und waren
die Nachkommen des Kriegsgottes Mars und der Königstochter Rhea Silvia. Als Dank ihrer Rettung erwogen sie, an jener Stelle, an der sie gefunden wurden, eine Stadt zu errichten. Sie gerieten in Streit darüber, wer der Bauherr und somit der Namensgeber dieser Stadt werden solle. Romulus setzte sich durch, wurde von seinem Bruder jedoch verspottet. Aufgebracht darüber erschlug er ihn. Nach der Ermordung von Remus herrschte Romulus über die Stadt. Remus wurde allerdings mit seinem Schwert an dessen Thron verewigt. Alle diese Ereignisse ließen die selbstlose Tat der Wölfin nicht verblassen. Fortan wurde sie beim „Luperkalienfest“, einem Reinigungs- und Fruchtbarkeitsfest in Rom, verehrt und sie wurde zum Symbol mütterlicher Aufopferung.

Die Römer beschrieben die Wölfin auch als „buhlerische Lüsternheit“. Lupanaria, das „Heim der Wölfin“, bedeutete Bordell. Lupa, die Wölfin, bezeichnete die Prostituierte, die hinter ihrer Beute her war.
Lupus (Wolf) stand für den männlichen Wüstling oder auch für ungerechte Edelmänner, welche die Armen schröpften. Bei den Griechen bezeichnete man Liebhaber von Knaben als Wölfe.
Biblische Texte charakterisieren den Wolf als Teufel, das Gottlose, den Verderber der Herde, die selbstverschlingende Triebhaftigkeit, jederzeit bereit sich unter gottesfürchtige, gläubige Menschen zu mischen. So diente der Wolf auch als Sinnbild falschen Prophetentums, er stand jedoch auch für die Unersättlichkeit und Habgier herrschender Schichten.
In der Bergpredigt des Matthäusevangeliums (Mt 7,15) heißt es, Wölfe als sprachliches Symbol verwendend: „Hütet euch vor den falschen Propheten. Sie kommen zu euch in Schafskleidern, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.“
Bezug nehmend auf dieses Bibelzitat hat sich die Redewendung „ein Wolf im Schafspelz“ eingebürgert und meint denjenigen, der schadenbringende Absichten mit harmlos-irritierendem Erscheinen zu kaschieren versucht.

Wolf und Werwolf

Weltweit existiert eine Vielzahl an Geschichten über Menschen, die sich in Tiere transformierten. Der Werwolfglaube ist in Abwandlungen Bestandteil unterschiedlichster Kulturen. So spricht man im malaysischen Volksglauben von Menschen, die sich in Wer-Tiger verwandelt hatten. In Afrika tauchen Wer-Hyänen und Wer-Leoparden, in Zentralamerika Wer-Kojoten auf.
Die meisten Überlieferungen sprechen in Bezug auf den Werwolf von Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel eingegangen waren. Jedoch ist auch von familiärem Erbgut, von Kindern, welche von ihren Eltern verflucht wurden, und von durch ein solches Wesen verursachten Verletzungen die Rede.
Werwölfen wurde der Prozess gemacht und man konnte in der Prozessführung zu großem Ruhm gelangen, einen Werwolf überführt zu haben. Merkmale wie zusammengewachsene Augenbrauen, etwas spitzere Ohren, auffällig behaarte Hautstellen, krallenartig verkrüppelte Hände konnten hierbei den entscheidenden „Hinweis“ über Leben oder auch Tod eines Angeklagten geben. Der im Jahre 1489 erschienene „Hexenhammer“ galt als Anleitung, Hexen und Werwölfe zu erkennen. Die Folgen waren furchtbar. So soll ein Richter namens Boguet im französischen Jura im Zeitraum von 1598 bis 1600 sechshundert vermeintlichen Werwölfen das Handwerk gelegt haben. Geringste Vergehen konnten Anlass genug seinund Fälle der Denunziation waren keine Seltenheit.
Der wohl bekannteste Werwolfprozess fand statt gegen Peter Stumpf, dem am 28. Oktober des Jahres 1589 in Bedburg, im heutigen Regierungsbezirk Köln, der Prozess gemacht wurde. Die damalige Rechtsprechung kam zum Urteil, dass der Beschuldigte im Zeitraum von 25 Jahren als Werwolf 13 Kinder, zwei Männer und eine Frau getötet haben soll. Darüber hinaus wurde er seiner pädophilen Neigung gegenüber seiner Tochter überführt. Was steckt sich jedoch dahinter?
Im 16. Jahrhundert meinte man, dass der Teufel die Gesetze der Natur überwinden könne, um dem Menschen zu schaden. Auf diese Weise gab man Übernatürlichem die Schuld an Entwicklungen, die man sich rationell nicht erklären konnte und erfand Tiere wie den Werwolf.
Peter Stumpf war ein Serienmörder. Die von ihm vollführten Taten – er zerstückelte und verspeiste zum Teil 13 Kinder, aß auch das Gehirn seines Sohnes – traute man einem Menschen nicht zu, sondern ausschließlich einer Bestie. Aus heutiger Sicht wird angenommen, dass Peter Stumpf tatsächlich überzeugt war, ein Werwolf zu sein. Dies wird als „klinische Lykanthropie“ bezeichnet. Peter Stumpf flog auf, da einem Mädchen unter ihrem Schal ein Eisenkragen angelegt wurde und Stumpf ihren Hals nicht durchbeißen konnte. Als die Dorfbewohner Jagd auf ihn machten, soll man beobachtet haben, wie die Zurückverwandlung vom Werwolf in den Menschen stattgefunden habe. Wenige Tage nach seinem Schuldspruch wurde er gerädert. Seine Muskeln wurden mit glühenden Zangen von seinen Knochen entfernt. Um eine Wiederkehr als Werwolf zu vermeiden, wurden seine Arme und seine Beine gebrochen. Daraufhin wurde er enthauptet. – Seine Tochter, die von ihm sexuell missbraucht worden und absolut schuldlos war, wurde am Scheiterhaufen verbrannt.

Viele weitere Aspekete der Jagd als Spiegel der Gesellschaft sind im Buch von Gert Andrieu und Helmuth Wölfel nachzulesen.