Jagd – ein Spiegel der Gesellschaft?

Jagd und Jäger geraten immer mehr ins Schussfeld einer kritischen Öffentlichkeit, die ihre Berechtigung prinzipiell in Frage stellt. Tatsächlich gibt es kritikwürdige Aspekte, etwa den herrschenden Trophäenkult und die Ausübung der Jagd als Statussymbol. Doch sind Jäger wirklich nur „Bambi-Mörder“? Welche Gründe gibt es für die Jagd? Und ist es denkbar, dass in unseren Breiten in Zukunft auf die Jagd gänzlich verzichtet wird?

Aus dem Stocker-Buch „Aufbrechen – Die Jagd als Spiegel der Gesellschaft“. Ein Werk für Jäger und Jagdkritiker, für Tierschützer und Naturnutzer, welches das Für und Wider der Jagd abzuwägen versucht:

Vom kleinen Kalb und vom toten Reh

Ob Wildtier oder Nutztier – der Konsument sieht nur das „Schnitzel auf dem Teller“ ohne Bezug zur Kreatur (Foto aus AFBRECHEN – Die Jagd als Spiegel der Gesellschaft; erschienen im Leopold-Stocker-Verlag)

Der Tod passt uns nicht in den Kram! Wir möchten auf ihn nicht angesprochen werden. Seine „Unsichtbarkeit“ charakterisiert unseren Zugang zu ihm.
Doch er findet Wege, durch einen im Verborgenen liegenden Geheimgang, eine Hintertür, in das Leben der Menschen – in unser eigenes Leben – zurückzukehren. Dem Fortschritts- und Machbarkeitswahn der Naturwissenschaften erlegen, sehen wir ihn vielleicht zum ersten Mal, wenn er uns als Horrorszenario eines Krepierens und Dahinsiechens auf Intensiv- und Pflegestationen, in esinfektionsmittelgeschwängerter Luft, entgegenblickt.

Wie sieht es jedoch mit dem Tod von Tieren aus?
– inklusive jenen geknechteten Kreaturen,  welche industriell, unter der Prämisse ausschließlicher Gewinnmaximierung erzeugt werden!

Reagieren wir hier in gleicher Weise?Und auf der Jagd?

Blendet der Jäger den Tod des Tieres aus? Was sagt die Öffentlichkeit dazu, wenn er  einen Hirsch erschießt, um etwas Schönes für sein Foyer zu ergattern?

An dieser Stelle erscheint es angebracht, auf den Begriff des „Schlachthausparadox“ hinzuweisen. Dazu eine kurze Erklärung:
Der Begriff des „Schlachthausparadox“ beschreibt, dass wir ein auf einer satten, grünen Wiese weidendes Kalbchen mit starken, sehr positiven Gefühlen wahrnehmen. Vielleicht verweilen wir dort auf unserer Wanderung ein wenig, um das niedliche Tier zu beobachten?  Vielleicht zeigen wir es auch unseren Kindern, die es mit einem Büschel Gras liebevoll füttern? – Vielleicht?
Nach unserer wunderschönen Wanderung zieht es uns ins nahegelegene Wirtshaus und bereits beim Eintritt in die Gaststube werden wir durch anregende Dufte vom Arbeitsplatz des Küchenmeisters überwältigt. Ein unaufschiebbares Gefühl der Gaumenfreude bestärkt uns dabei, nach der Speisekarte zu fragen. Akribisch blättern wir von vorne nach hinten, auch nochmals zurück und fallen eine Entscheidung: Heute gibt es Schnitzel. – vom Kalb!

Vielleicht das Kalb von nebenan, nunmehr in Form eines anonymisierten Stückes Fleisch. Ein Stück Fleisch samt fein garnierter Zutaten, welches wiederum ein Hochgefühl in uns entstehen lässt. – Ein Gefühl, welches in keiner Weise mit Mitleid oder mit einer Kritik am Tod des wenige Monate jungen Tieres in Verbindung gesetzt wird.

Doch was liegt dazwischen?
Was liegt zwischen der satten Weide im Alpenidyll und dem saftigen Kalbsschnitzel im Gasthof?
Dazwischen liegt das Schlachthaus, welches wir auszublenden pflegen. Auf diese Weise träumen wir auch weiterhin von einer Welt, in der es dem Tod schier unmöglich erscheint, auch in Bezug auf andere Lebewesen – unabhängig davon, wie sie zeit ihres Lebens behandelt wurden – eine „Falltür“ in unser Leben zu finden.
Es ist jedoch nicht nur der Fleischer allein – auch, in unserem Fall relevant, der Jäger; selbst der Förster gilt als jener, der Schaden verursacht und einen schlechten – zumindest verbesserungswürdigen – Ruf zu verteidigen hat.

Und die Jagd un der Jäger?

Und der Jäger? – Wie sehen die befragten Jugendlichen die Sache mit der Jagd?
Im „Jugendreport Natur 1997“ werden Jäger von 40% der Befragten als Tiermörder betrachtet. 58 Prozent sehen die Jagd als für den Wald schädlich an.
In der Studie aus dem Jahr 2010 geht hervor, dass es 67% ablehnen, Rehe und Wildscheine zu bejagen. Nur 16 % sehen dies als eher nützlich.
Es heißt weiter: „Die Nutzungsperspektive wird aus der Freizeit- und vielleicht auch Öko-Perspektive der Jugendlichen nicht nur ausgeblendet, sondern mehrheitlich diskriminiert. Das Bild der Natur bleibt auf diese Weise heil, auch wenn seine Bestandteile nicht mehr inhaltlich zusammenpassen.“
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Tod kein geeigneter Begleiter im Leben  „zivilisierter Zeitgenossen“ darstellt, weder der Tod von Menschen, noch der Tod von Tieren.

Konsequenz für den Menschen
In der Sozialwissenschaft bezeichnet man das Verfrachten alter Menschen in Pflegeanstalten und Altersheime als den „sozialen Tod“, einen bereits endgültigen Zustand, der den Betroffenen bereits vom „eigentlichen Leben“ abgeschnürt hat, ein Zustand, der nur noch auf das Endgültige, das Unausweichliche warten – vielleicht auch hoffen – lässt.

Doch zurück zum Thema…

Es ist darauf hinzuweisen, dass die angeführten Uberlegungen betreffend des Schlachthausparadoxons unter einer Perspektive der „Nützlichkeit“ dargestellt wurden. Der „Nützlichkeit“, die mit der Tötung des Kalbes einhergeht, um die Versorgung dieser Gaststätte mit Fleisch zu rechtfertigen. Wir sprachen von der Fällung eines Baumes, welcher einer weiteren Verarbeitung unterzogen werden soll, um ihn in einen Dachstuhl, eine Diele, einen Schrank oder auch Tisch zu verwandeln.

Jagd und Nützlichkeit
Die Frage, die sich damit verbindet, ist die Überlegung, ob die Jagd von heute diese Nützlichkeit überhaupt anbieten kann, sie noch anbieten möchte!? – Vielen Jägern geht es zumindest ist um das Geweih.  Ist dieses Ansinnen nützlich? Ein Mann, der mit diesem Motiv in der Gruppe der Jäger nicht eine klägliche Ausnahme ist, sondern in seinem Begehren nach der Trophäe der Mehrzahl aller Jäger entspricht.

Ja, dieses Geweih kann nützlich – wirtschaftlich nützlich – sein, wenn die Jäger ein Jagdgatter respektive eine umfriedete Eigenjagd betreiben, ein Jagdgebiet verpachten, oder auch Einzelabschusse von Trophäenträgern – ursachliche Gepflogenheiten der heutigen Jagd – zu verkaufen im Begriff sind.
Vielleicht gelingt es ihnen auch, das eine oder andere Stück Wildbret an den Mann und an die Frau zu bringen, was nicht unüblich ist.
Der wirtschaftliche Ertrag und der Fokus jagdwirtschaftlicher Betrachtungen bezieht sich jedoch in der heutigen Zeit fast ausschließlich auf die Jagdtrophäe, welche man zum Teil anhand von Formeln und Tabellen vermisst, um sie danach verrechnen zu können! –
Der „Internationale Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC)“ ist im Besitz eines solchen Zahlenwerkes.

Jagd der Trophäe willen?

Jagd nur der Trophäe wegen ist ethisch kaum zu vertreten. (Foto aus AUFBRECHEN – Die Jagd als Spiegel der Gesellschaft; erschienen im Leopold-Stocker-Verlag)

Johannes Dieberger meint im Buch „Jagd und Gesellschaft – Der internationale Sankt Hubertusorden“:
„Abwegig wird die Jagd dann, wenn sie nur um der Trophäen willen betrieben wird und wenn Geweihe, Gehörne und Bärte gemessen und bewertet werden. Wozu dienen seitenlange Beschreibungen der weltbesten Spitzengeweihe, wie wir sie oft in der Jagdpresse finden können?
Die Jagd könnte heute, wenn sie nur aus sportlichen Interessen durchgeführt wird, kaum mehr Verständnis finden. Das Töten von freilebenden Wildtieren, lediglich aus Vergnügen, wäre mit den derzeitigen mitteleuropäischen ethischen Vorstellungen nicht mehr vereinbar.“
(Andrieu, G., Der Internationale Sankt Hubertusorden, 2008)

Jagd – die Trophäenqualitat muss fortschrittlich bleiben??
Viele Jäger dürfen  sich auch darüber freuen, die Natur im Sonnenaufgang gespürt zu haben und geschickt genug gewesen zu sein, den Hirsch zu erlegen. Er kann stolz darauf sein, dass er – wenn ihn schon die Leidenschaft der Jagd und kein anderes Hobby neben seinem „Brotberuf“ gepackt hat – das Tier, auch ohne kontinuierliches Schießtraining, mit einem einzigen Schuss tödlich getroffen hat. Er darf auch aufatmend lächeln, keinen „roten Punkt“ erhalten zu haben, obwohl dies unanständig war! – In Gesprächen mit Jägern gewinnt man jedoch den Eindruck, dass dieser Sachverhalt das eine oder andere Mal – vielleicht sogar noch öfter –, auch in Form „falscher Kiefervorlagen“, Gang und Gäbe sein dürfte, was den Wert von Pflichttrophäenschauen im Allgemeinen und die „einem heiligen Ritual“ gleichende Arbeit von Bewertungskommissionen in das Lächerliche und das Absurde führt!

Lieben Jäger jedoch wirklich, was sie töten?
Lieben sie einen Hirsch – welcher erlegt wird – gleich den beschriebenen Möpsen, die
zu einer Geburtstagsfeier geladen sind? Oder verspüren Jäger in Bezug auf das Erlegen
dieselbe Gleichgültigkeit wie viele Menschen der Mehrheitsgesellschaft, wenn es um das
Betreiben von „Tierfabriken“ geht?
Unserem Jäger ist  zumindest der Tod des Hirsches sehr nahe gegangen. – Es geht ihm bis zum heutigen Tage sehr nahe, wenn er ein Wildtier erlegt, darum findet er auch das jagdliche Ritual des „letzten Bissens“ – welches als Entschuldigungsritual, aber auch als eine Verniedlichung und Entschärfung des Todes betrachtet werden kann – besonders würdevoll.
Unser Jäger liebt Tiere, die er auf der Jagd verfolgt, jedoch nicht! Nein, er respektiert sie, will ordentlich jagdlich handwerken, keine Fehler machen, sich aus der Natur etwas aneignen.
Er will der Natur jedoch auch etwas zurückgeben und hat vor, sie durch seine jagdliche
Tätigkeit nicht zu überfordern!
Eine gute Einstellung, würde man meinen, die sich von Abschusspakete buchenden Jagdtouristen und jenen „Superjägern“ unterscheidet, welche fünf Mal pro Jahr in einem Jagdrevier auftauchen, um im Eilverfahren nur das Eine zu wollen: Einen möglichst kapitalen Trophäenträger zur Strecke zu bringen, respektive „den Finger krumm zu machen“, um ein prestigeträchtiges Wildtier zu töten!
Menschen, welche vorgaukeln, an der Natur so besonderes Interesse zu haben und zum Teil in schäbigen Jagdclubs ihre jagdlichen Glanzleistungen präsentieren. Leider allzu weit verbreitete jagdliche Auswüchse, an dem die echte, die wirklich „edle Jagd“ von verantwortungsbewussten, bodenständigen Menschen irgendwann mitkrepieren konnte! – Es darf von der Öffentlichkeit nicht erwartet werden, dass sie im Zweifelsfall in ihrer Beurteilung zwischen guten Jägern und trophäengeilen Naturfremdlingen einen allzu großen Unterschied machen wird!

Aufbrechen – Die Jagd als Spiegel der Gesellschaft von Gert Andrieu und Helmuth Wölfel, erschienen im Leopold-Stocker-Verlag.

 

 

Aufbrechen … Die Jagd als Spiegel der Gesellschaft zu bedstellen bei der Bücherquelle!

 

 

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